Aus der "Volksstimme" Magdeburg

AmStaff-Dame "Ina" soll
den Ruf von Kampfhunden aufpolieren

Magdeburg/S.-A., 17.1.03

Im Februar will Sachsen-Anhalts Innenminister dem Kabinett den Entwurf eines Kampfhundegesetzes vorlegen. Es wurde notwendig, weil das Oberverwaltungsgericht Magdeburg die Kampfhundeverordnung des Landes gekippt hatte.

Einer der Kläger war Wolfgang Marchewka aus Wittenberg. Für ihn ist ein Kampfhundegesetz Papierverschwendung.
Neues Gesetz nächsten Monat im Kabinett
Ina von Klotzberg schlabbert ihrem Herrchen liebevoll übers Gesicht, begrüßt selbst Fremde schwanzwedelnd. Nichts deutet darauf hin, dass die zweieinhalb Jahre alte Hundedame zu den "bösen Vier" gehört. Ina ist ein American Staffordshire Terrier.

Wolfgang Marchewka tourt mit seiner Hündin durch Sachsen-Anhalt. "Ich will den Menschen zeigen, dass an einem schlechten Hunde-Charakter nicht die Gene, sondern nur die Erziehung schuld ist", sagt er. Marchewka ist seit 26 Jahren Hundehalter und hat sich am Thema "Kampfhunde" festgebissen.

"Auf dem Höhepunkt der Hysterie habe ich mir den Terrier gekauft", sagt Marchewka, der jahrzehntelang Schäferhunde hielt. "Ich will beweisen, dass die Einteilung in böse und gute Hunde willkürlich ist."

Ina ist ein "Schulhund" mit Zertifikat, ausgestellt nach ausgiebiger Wesensuntersuchung durch einen bayerischen Hunde-Experten, ihr Ausweis eine Plakette im Ohr - Nummer 54. Als Mitglied des Bundes-Vereins "Hunde helfen Menschen" geht Marchewka an Schulen, um zu zeigen, wie Ina schmust, flirtet, nicht einmal den Ansatz eines unwirschen Knurrens zeigt. Selbst dann nicht, wenn Kinder sie wie ein Spielzeug knuddeln.

Der 53-jährige Wittenberger hat wie zwei weitere Hundehalter gegen die Kampfhunde-Verordnung, die noch vom Püchel-Ministerium erlassen wurde, geklagt und Recht bekommen. Und auch am neuen Gesetz, das CDU-Innenminister Jeziorsky nächsten Monat im Entwurf vorlegen will, lässt er schon vor der Veröffentlichung kein gutes Haar. "Nackter Populismus", so Marchewka. "Schade ums Papier."

Um Punkte bei den Bürgern zu sammeln, setzten sich Politiker über gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis hinweg, meint der Hunde-Freund. So habe eine Langzeit-Untersuchung der Uni Hannover erneut ergeben, dass es keinerlei plausible Gründe gibt, ganze Rassen zu verbieten.

Innenminister Jeziorsky bezeichnet den Entwurf in seiner Schublade als "Kompromiss zwischen dem berechtigten Wunsch der Bürger nach Schutz vor Kampfhunden und den Interessen der Hundehalter unter dem Aspekt des Tierschutzes".

Eine modifizierte Kampfhundeverordnung - so könnte man das Gesetz auf einen Nenner bringen. Das Bundesgesetz spricht von vier gefährlichen Hunderassen und nennt American Pitbull Terrier, Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Bullterrier. Man stehe also nicht allein da, so das Innenministerium.
hundejo.de/news

FDP-Landtagsabgeordneter Peter Kehl aus Halle, der sich seit Jahren mit dem Thema "Kampfhunde" befasst, sagte gestern der Volksstimme, dass seine Fraktion das neue Gesetz, wie es das Innenministerium im Entwurf vorsieht, "nicht mittragen" wird. "Jeziorsky hat durchblicken lassen, dass es wie in der alten Verordnung erneut um die vier Rassen geht. Das läuft auf eine Eigentumseinschränkung hinaus, die mit der FDP nicht zu machen ist."

Die Fraktion wolle die "Schärfe herausnehmen" und das Gesetz mehr allgemein auf "den Schutz vor gefährlichen Tieren" bezogen wissen. "Was so alles an Schlangen und Spinnen in Wohnungen gehalten wird, ist ja sagenhaft."

Josef Fassl, Vorstandsvorsitzender vom Magdeburger Bündnis der Hundefreunde, ist ebenfalls davon überzeugt, dass "durch ein Verbot bestimmter Rassen die Sicherheit der Bevölkerung nicht herzustellen" ist. "Die falsche Herangehensweise an das Problem verdeckt die wirklichen Gefahrenquellen", so Fassl. Die Gefahr gehe nicht vom Hund, sondern von verantwortungslosen Haltern und Züchtern aus. "Gegen sie kann jedoch jetzt schon auf Grund der bestehenden Gesetze eingeschritten werden."

Es sei typisch in Deutschland, bekommt Fassl Schützenhilfe von Marchewka, dass immer dann, wenn mit einem Gesetz nicht richtig gearbeitet werde, nach einem neuen gesetzlichen Rahmen gerufen wird. "Das Kampfhundegesetz ist ein Symbol für die Unfähigkeit der Politik, sich mit Sachfragen auseinander zu setzen."

Innenministeriumssprecher Matthias Schuppe sagt, dass ein Kampfhundegesetz nichts mit Populismus zu tun hat. "Es ist nicht erfunden, dass verängstigte Mütter ihre Kinder nehmen und auf die andere Straßenseite rennen, wenn ihnen ein Kampfhund entgegenkommt." Und dass solche Tiere nichts bei öffentlichen Veranstaltungen, auf Spiel- und Sportplätzen zu suchen hätten, wolle doch niemand ernsthaft bestreiten.

"99 Prozent der Hunde werden nie auffällig", hält Marchewka dagegen. "Und die wenigen Hunde, die doch mal zubeißen, tun das innerhalb der Familie." Außerdem gebe es viel mehr Beißunfälle mit Schäferhunden, als mit den vier Rassen auf der schwarzen Liste. "An das deutsche Heiligtum - Schäferhund - traut sich kein Politiker heran. Die vier ausländischen Rassen auf dem Index wurden deshalb ausgewählt, weil es davon nicht allzu viel in Deutschland gibt und man bei ihrem Verbot nicht allzu viel Gegenwind erwarten konnte."

Schmuse-Kampfhund "Ina" scheint verstanden zu haben, dass es um sie geht. Sie krabbelt unterm Tisch hervor, legt ihren Kopf auf die Knien ihres Herrchens.Und in diesem Augenblick sieht die American-Staffordshire-Terrier-Hündin wahrlich nicht wie eine reißende Bestie aus.