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Wochenspiegel Wittenberg/Jessen 01.09.2000
Pauschales Verbot ist Strafe
für anständige Hundehalter:
Wider den tierischen Rassenhass!
Freundlichen Besuch erhielt Jürgen Krause, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Wittenberg, am Montag: Pünktlich zum Inkrafttreten der neuen Hundeverordnung des Landes Sachsen-Anhalt setzten Ellen Rinke und Wolfgang Marchewka als gemeinsame Hundehalter ihre "Ina" dem Amtsleiter auf den Behördentisch.
Wittenberg (red) Die junge Hundedame gehört zur Rasse der American Staffordshire Terrier, eine der Rassen, die vor allem durch Kriminelle, Asoziale und Angehörige der Rotlichtszene in Verruf gebracht worden ist und die seit dem durch untätige Behörden begünstigten tödlichen Unfall in Hamburg bundesweit eine bislang nicht für möglich gehaltene Massenhysterie ausgelöst hat.
Die beiden Hundehalter beantragten beim Ordnungsamt sowohl ihre persönliche Überprüfung als auch die Überprüfung des Hundes auf angebliche Aggressivität.
Ellen Rinke wollte ihren Besuch im Ordnungsamt auch als eine Aktion gegen den tierischen Rassenhass verstanden wissen: "Die Angst der Menschen vor gefährlichen Hunden kann ich gut verstehen. Aber dass diese Angst von oberflächlichen Politikern zu Profilierungsversuchen ausgenutzt wird, in dem man mit hektischem Aktionismus den Menschen eine nur auf dem Papier stehende Scheinlösung präsentiert, ist nicht hinnehmbar. Das pauschale Verbot einiger Hunderassen bestraft lediglich die anständigen Hundehalter."
Amtsleiter Jürgen Krause sieht das ähnlich: "Das Problem sind weniger die Hunde, als vielmehr bestimmte Hundehalter. Gegen diese Leute muss intensiver vorgegangen werden, dazu brauchen wir auch die Unterstützung der Justiz."
Der durch so genannte "Kampfhunde" verursachte tragische Tod eines sechsjährigen Jungen in Hamburg hat in Deutschland - so die angesehene Washington Post - "einen Feuersturm der Hysterie" ausgelöst. Diese Hysterie unter den Menschen wiederum nutzen die bislang beim Thema Kampf gegen kriminelle Hundehalter nahezu untätigen Politiker zum Beweis ihrer angeblichen Handlungsfähigkeit. Ein untauglicher Beweis: Die verschiedenen Hundeverordnungen der verschiedenen Bundesländer haben zwar ein "perfektes Chaos" angerichtet - so der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) - aber nicht die Lösung des Problems gebracht.
So sieht es auch die Wittenberger Tierfreundin Ellen Rinke: "Die Rasse 'Kampfhunde' gibt es nicht, demzufolge sind pauschale Verbote bestimmter Rassen sowohl fachlicher Unfug als auch aus rechtlichen wie tierschützerischen Erwägungen höchst bedenklich." Insofern ist ihre Entscheidung, sich eine junge American Staffordshire Terrier-Hündin anzuschaffen, auch eine Aktion für den Erhalt einer bewährten Hunderasse und zugleich Protest gegen den wenig sachdienlichen Aktionismus der Politiker. "Die Bedrohung der Menschen durch gefährlich gemachte Hunde ist doch kein neues Problem", weist Ellen Rinke auf eine jahrelange Entwicklung in der "Szene" hin, "und auch der Hamburger Junge hätte nicht sterben müssen, wenn die zuständigen Behörden unter Nutzung der bestehenden Gesetze rechtzeitig gegen den mehrfach vorbestraften Hundehalter vorgegangen wären." Dieses aktuelle Beispiel beweise, dass es keinen Sinn mache, Hunderassen pauschal zu verbieten, sondern man müsse mit der ganzen Härte des Gesetzes vorgehen gegen solche kriminellen Hundehalter, die ihre Tiere gewaltsam missbrauchen, um sie zum Kampfhund abzurichten. Wer dagegen Rassen pauschal verbietet, riskiere lediglich, dass sich die "Szene" anderen Hunderassen zuwendet: "Man kann Hunde töten, doch die Probleme mit der kriminellen Szene bleiben."
Während der verängstigte Bürger noch Beifall klatscht, kritisieren immer mehr Fachleute die mit heißer Nadel gestrickten Hundeverordnungen. Auch der Bundesverband Praktischer Tierärzte hat sich gegen die so genannten "Kampfhunde-Verordnungen" ausgesprochen. Diese enthielten Maßnahmen, die aus tiermedizinischer und juristischer Sicht nicht haltbar sind. Zudem gehe der Begriff "Kampfhunderasse" fehl, da in jeder Hunderasse gefährliche und ungefährliche Tiere vorkämen.
Die Landestierschutzbeauftragte von Hessen, Dr. Madeleine Martin, fordert anlässlich der neuen Kampfhundeverordnung einen besseren Vollzug und eine Öffnungsklausel für gutartige Hunde. Die Aufzählung von Hunderassen helfe bei der Lösung des tatsächlichen Problems nicht weiter.
Nachweislich aggressive Hunde, die oft im kriminellen Milieu gehalten werden und manchmal aus Zuchten stammen, die auch für illegale Hundekämpfe benutzt werden, verbleiben bei ihren Haltern; denn "je aggressiver Hund und Herr, umso zurückhaltender erscheinen oft die zuständigen Behörden."
Der Professor für Verwaltungsrecht an der Universität Tübingen, Michael Ronellenfitsch, sprach sich gegen eine Pauschalierung bei den so genannten Kampfhunden aus. Man könne "nicht Hunde abstrakt beschreiben". Daran sei die Landesregierung Baden-Württemberg vor dem Verwaltungsgericht Mannheim schon mal gescheitert. Man müsse exakt beschreiben, was ein "Kampfhund" sei und was nicht. Er ist viel mehr dafür, dass vor allem die Hundehalter einer Prüfung unterzogen werden sollten. Die seien das Problem, nicht die Hunde.
Bei dem tödlichen Unfall in Berlin war auch ein American Staffordshire Terrier beteiligt. Ein illegaler, wie Thomas Kohlhöfer betont. Der Vorsitzende des 1. American Staffordshire Terrier Clubs e.V. in Deutschland zeigt sich sehr betroffen über die schweren Unfälle mit Hunden, vor allem über den Tod des Schülers Volkan in Hamburg: "Solche Übergriffe dürfen sich nicht wiederholen. Aber auch andere Vorfälle mit Hunden, die nicht in der Hand des Halters stehen, haben keinen Platz in einer dicht besiedelten Zivilisation." Betroffen macht die Vereinsmitglieder aber auch, dass die Politiker nun anordnen, ganze Hunderassen auszurotten: "Die Versäumnisse der Politik, das Führen von großen Hunden nur sachkundigen Personen zu erlauben, sollen nun in pauschaler Regelung alle diejenigen ausbaden, die ihre Hunde nach VDH-Statuten gezüchtet und ausgebildet haben und sich ernsthaft darum bemühen, ihren Kameraden zu einem sozial verträglichen und liebenswerten Partner zu erziehen." Thomas Kohlhöfer benennt Gemeinsamkeiten: "Ziel der Politik und der seriösen Hundehalter sollte es sein zu verhindern, dass Hunde von Personen gehalten werden, die ihre Verantwortung gegenüber dem Hund und dem Zusammenleben mit der Umwelt nicht ernst nehmen. Hunderassen sind hierbei austauschbar."
Und der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) beklagt, dass die Politiker mit ihren Schnellschüssen "ein absolutes Chaos angerichtet" haben, ohne die Fachverbände einzubeziehen. Das Ergebnis sei erschütternd: "Unserem gemeinsamen Ziel, die Bevölkerung vor skrupellosen Hundehaltern mit gefährlichen Hunden zu schützen, sind wir keinen Schritt näher gekommen. Vielmehr gibt es statt dessen eine Polarisierung von Hundehaltern und Nichthundehaltern, die kontraproduktiv ist." |
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